Sonntag, 20. Februar 2022

Mein Bruder

 Er fragt mich nach meiner Zukunft.

Ich antworte eifrig, im Denken es muss was Großartiges sein.

Doch es ist unklar inwiefern aus mir etwas geworden ist hier in Europa mit allen Chancen und Möglichkeiten, die man sich vorstellen kann.

Bereits im Flugzeug fuhr über mich diese große Angst, dass ich nie wieder meine Familie sehen würde. Damals war nicht mal ansatzweise der Gedanke vorhanden, was aus mir hätte werden können. Solche Sätze kann man nämlich nur im Deutschen bilden.

Als Kind interessiert einen das Überleben auf einer ganz anderen Art und Weise.

Es ist eher gebunden an Menschen. Diesen ist man völlig ausgeliefert und sie bestimmen das Überleben. Doch bei mir, wie das bei vielen Migrant*innen ebenfalls der Fall ist, sollte es eines dieser Schicksale sein, wo alles besser werden sollte - in einem Land, ohne Bürgerkrieg und postkolonialen Traumafolgestörungen. Also verabschiedete man mich in absoluter Ungewissheit,  etwa so wie man einen Astronauten verabschieden würde. 

Man gab mir  Süßigkeiten, Amulette und einen dicken Kuss und da war das 10-jährige Ich, an eine Lufthansamitarbeiterin abgegeben.

Mein Vater hat nämlich 3 Jahre lang die richtige Frau gesucht, die ihn heiraten würde damit er mich endlich nach Deutschland holen könnte.

Sie willigte ein, war unfruchtbar und dachte meine neue deutsche Mutter werden zu können. Meine Mutter starb als ich 5 Jahre alt war.

Doch es soll hier nicht um Mütter gehen sondern um meinen Bruder.

Er soll mich immer wieder an etwas erinnern, das mich über all die Jahre der Verluste und Ängste an etwas bindet und zurückholt etwas, das ich noch nicht wirklich greifen kann.So entsteht dieser Text in Zuwendung, der vielen Dinge die man verloren glaubt.

Meine Identität flog also dahin, erst nach Frankfurt, dann nach München um schließlich in Wien anzukommen in diesem Text.

Der Ort, der mir mittlerweile eine Verortung gab. Man legt Zukunft und Ungewissheit in diese Kinder, die es besser haben sollten als man selbst aber man ist sich nicht im Klaren darüber, was für Überlappungen das alles mit sich bringt. Für die Identität, die Kultur und das Vermissen von etwas was nicht mehr ganz zu einem  gehören kann.

Leider war die deutsche Frau meines Vaters sehr gewalttätig und ging davon aus ich sei mitgebrachte Ware aus dem Ausland, mit der man umgehen konnte wie man mochte. 

Es folgten Drohung und Bestechung, dass wenn man sich nicht richtig verhält die „unbefristete Aufenthaltserlaubnis“ nicht vergeben werden würde.

Sie war die deutsche Behörde in Person. 

Eine blonde Frau, deren Eltern Mercedes Benz mitgehört. Sie war die absolute Klasse. 

Ich sollte ihr Kind werden aber ich war nicht blöd und verwandelte mich in stilles Wasser. Mein Schweigen im Alter von 10-14, war zugleich Schutz und Geste des Widerstands gegen die Behörde. Das eigentlich interessante an dieser Zeit war wie ich die deutsche Sprache gelernt habe.


Man gab mir in der Grundschule ein Lexikon (spanisch - deutsch) und damit die Aufgabe - während die anderen Kinder ihren Unterricht hatten - das komplette Lexikon in einem Vokabelheft mit zwei Absätzen abzuschreiben.

Nachdem die Schule bemerkt hatte wie absurd es war mir nur eine Lexikonaufgabe gegeben zu haben, hat man verordnet, dass ich vor der Schule Unterricht bekommen soll. Interessanterweise genoss ich die Lexikonarbeit mehr.

Es gab diese vielen Wörter und ich schrieb sie säuberlich von A bis Z runter in mein Vokabelheft. Mein angeborener Ehrgeiz, war an dieser Stelle meine Rettung, das durchzuarbeiten.

Am Pausenhof habe ich immer wieder was rausgehört, während die Kinder spielten und schmunzelte heimlich, weil ich den Klang oder manche Wörter erkannte.

Doch ich war allein und hatte keine Freunde.

Ich aß das erste Schwarzbrot meines Lebens und verstand nicht was um mich geschehen war. In Kolumbien war ich beliebt und mit den Kindern war es dort einfach.

Sie waren körperlich und hier fanden es die Kinder seltsam, dass ich sie berühren wollte. Bis heute begleitet mich dieser Schock, dass es so wenig körperliche Zuwendung im Alltag gibt. Der Wohlstand war lieblos! Oder zumindest nur geistig greifbar.

Ich hungere also bis heute an körperlicher Zuneigung aber damals - so einsam und hoffnungslos das alles klingt - gab es dieses eine Kind das mich verstand.

Sie ist ein riesiges Geschenk für mein Leben gewesen und sie nahm mich mit nach der Schule. Obwohl ich nur ein paar Wortfetzen verstand, schwieg und sprach sie mit mir und wir verstanden uns richtig gut. Sie wurde immer fremd gelesen, weil sie schwarz ist während alle von mir dachten ich sei seltsam aber als Weiße immerhin akzeptiert wurde. Sie hatte Zugang zu türkischen und  ghanaischen Wurzeln und wurde als Deutsche geboren. 

Absurderweise gibt es diese Idee davon, wer denn die authentischen Ausländer*innen seien. Komischerweise richtet man sich nach wie vor weniger an die Erfahrung der Einzelnen als über ihre Ethnien – was ja auch den Ausmaß an Rassismus mit sich trägt. 

Sie und ich waren nach einer Weile unzertrennlich und es war großartig, was ich alles von ihr gelernt habe. Dieser Übergang von Kind zu Teenager, wäre ohne sie nicht zumutbar gewesen, gerade weil wir beide Zuhause den Terror einer entfremdeten Mutter kannten, die uns gewalttätig behandelte.

Um gehört zu werden musste man laut sein, schreien.

Ich hab also gemerkt, dass man irgendwie nicht leise sein konnte wenn man bemerkt werden wollte. Irgendwo müsste es die Verbindung zur Gruppe geben.

Also kam aus meiner Stille manchmal ein Ausbruch zwischen Wut und Unverständnis, wo die anderen Kinder aufhorchten. 

Immerhin waren da Sachen dabei, die man in jeder Sprache versteht.

Diese Leistung die Migrant*innen erbringen ist enorm und man muss eine Art von Assimilation beherrschen ohne dabei sich selbst zu verlieren.

Wenn man dazugehören will, steckt man oft im Konflikt fest, dass man etwas bei sich haben muss was der Gruppe vermittelt man sei ein Teil davon.

Und diese Dinge sind so unglaublich subtil und gehen von Gang, Kleidung, Ausdruck bis zum kleinsten Detail, sodass man auch Angst hat erkannt zu werden. Sonst bleibt man möglicherweise im Zuschauer*innenstadium.

Man selbst ist nicht mehr „Eigen“ und nicht mehr ganz frei von dieser Prägung, die man im „Ausland“ bekommen hat. Es ist wie mit dem Geschlecht, wenn man einmal das Feld der sozialen Funktion verlassen hat.

Der westliche Blick auf das Andere, die ganzen Vorurteile, die Idee von Ethnien, Rasse, Kulturen, Formen, Farben, Erbe.

Die Idee von Vorfahren und die Zukunft, die sich nur für manche eröffnet. 

Irgendwann mit der notwendigen Distanz fängt man an Filter und Begriffe besser zu verstehen. Diese Position, die automatisch mitbestimmt es sei etwas eben in Abgrenzung zum Anderen entstanden. 

Somit das von Grund auf seltsame Mysterium des Westens: Der Exotismus, Primitivismus und Fetischismus. Die Luxusware. Ein Klassenkampf. Mindestsicherung. 

Das ist Granatfeld. Politisch und wahnsinnig abstrakt.

Dazwischen die Macht des Bürokraten. Die Behörde und ihre rassistischen Beamten.


Ich möchte gern ein Selbstbildnis der Entfremdung zeichnen:

Mein Körper ist Tugend. 

Ich trage meine DNA automatisch mit mir mit und hier stecken Informationen fest, die ich nicht lesen kann aber automatisch und unbewusst ausführe. Natürlich könnte ich eine Illustration anfertigen lassen oder auf Daten zurückgreifen aber nichts davon kann in Wirklichkeit beschreiben was ich tatsächlich bin.

Diese Identität ist immer ein Konstruktion aber sie entzieht sich allem, wie eine Liebschaft. Die DNA allerdings ist ein Fakt, eine Konstante von der wir uns nicht lösen können. zumindest in Büchern und bei den Wissenschaften.

Die Kombination ist einzigartig/einmalig und gleichzeitig ist das Schicksal einer jeden DNA dazu bestimmt eines Tages zu sterben solange sie nicht zu einer neuen Kombination gezwungen wird. Es gibt die Weitergabe der Informationen und wir wissen genau wie aber wir werden diesen Zweck niemals eindeutig belegen können. 

Ob sich die Gedanken unserer Vorfahren dort festschreiben?

Ja, das Überleben vielleicht. Unbrauchbares Organ. Der Blindarm. 


Doch denken wir an eine Zelle:

An sich ist es dort ruhig. Es gibt da diese Transmitter, die Alarm schlagen wenn etwas eindringt, was wir im Kern nicht gebrauchen können oder uns zerstören würde.

Aber es muss Nahrung geben, deswegen gibt’s da eben Durchlässigkeit.

Diese feinen Wände, diese variablen. Daheim sein fängt schon in der Zelle an.

Es muss die Möglichkeit geben in und mit der Umwelt zu agieren.

Sonst stirbt man. Sonst gibt es keine neuen Informationen und somit keine Entwicklung.

Sonst macht das Sterben auch kein Spaß und ohne Vielfalt ist man einem Schicksal ausgeliefert, das keine Zukunft hat. 

Sonst gibt’s kein Anfang und kein Loslassen. 

Ruhelosigkeit, weil dann Befangenheit herrscht.

Die Zelle wird krank. Sie dupliziert sich krank, weil der Angriff nicht abgewehrt werden kann. Der Körper ist verloren, zu heftig war die Berührung.

Aufgebrochene, leichte Verwahrlosung.

Ja, mein Körper war nicht mehr das Selbe, wie als ich geboren wurde.

Denken Sie an ihren Babykörper. Kennen Sie noch ihr Babykörpergefühl?

Die Berührung ihrer Mutter, Vater, Bruder, Tanten, Onkels, Tiere, Gegenstände.

Der nasse Mund, das ganz pure und böse Baby das alles erforscht.

Völlig ausgeliefert und gleichzeitig noch so unvoreingenommen.

Keine Sprache, nur Eindrücke, Bewegung, egomanisch und instinktiv. Am Leben haftend. Zwischen all diesen Widersprüchen versucht man sich in einer Welt festzuhalten, die man schließlich, wenn die Zeit gekommen ist, wieder loslassen lernen muss.

Vielleicht liegt in unseren Körpern, die Ablagerung des Körperbewusstseins des Vergangenen. Eine Geschichtlichkeit von Berührung.


Mein Bruder und ich haben eine gemeinsame DNA und das ist doch nennenswert, nicht?

Mein Bruder lebte vor mir in diesem Raum, den wir nunmal beide kennen, den Bauch unserer Mutter. Unsere Mutter war eine traumatisierte Frau, weil sie Gewalt erlebte und  ihren Sohn verloren hat und wir unseren Bruder. 

Schließlich wurden ihre Zellen krank und sie starb. Ihrer beider Abwesenheiten hatten sich nie ganz verflüchtigt für die Familie.

Ich gleite nun von der Traumapornografie Kolumbiens - in die Krankheit, der Gewalt, dem Sterben. 

Die Entfremdung und Dissoziation ist immer eine Möglichkeit, die Wahrnehmung auf einer anderen Art und Weise zu schärfen. 

Die Dissoziation kann als eine Ressource verstanden werden. 

Wenn die Tiere wissen das sie sterben, legen sie sich in eine Art Bewusstlosigkeitszustand. Es ist sowas wie ein Reflex der Ihnen verhilft, dass die Schmerzen, also dieses ganze Leid ausgelagert wird, wenn eine Gefahr nicht mehr abgewehrt werden kann.


Vor 3 Jahren habe ich meinen Bruder in seiner Wohnung besucht in Pitalito, bei Huila. Das ist südöstlich von Kolumbien in einer Kaffeezone zwischen Naturwunder und einem archäologischen Park der Kultur San Augustín, die von ca. 100 - 1200 n. Chr. lebte. 

Mein Bruder wohnte in der Nähe von einem Hauptplatz von Pitalito.

Im vorderen Bereich seiner Wohnung hat er ein modernes Geschäft, genauer genommen ein Handygeschäft, das einen AppleStore imitiert.

Doch hinter diesem Geschäft befand sich sein Wohnraum.

Dort gab es nicht mal Fenster, Luft, Liebe. Matratze am Boden, Kleidung in Kartons und ein Fernseher. Es war ein Ort, wo über der Decke schwarze aufgespannte Mülltüten waren, die ihn und seine Freundin vor Ratten schützen sollten, die im oberen Stockwerk lebten und Abends familiär wurden.


Meinen europäischen Standards entsprach dieser Ort nicht.

Es hat mich schockiert und traurig gemacht, dass mein Bruder an so einem Ort lebte.

Am nächsten Tag ging ich auf Suche, nach einem neuen Schlafplatz und war so sauer auf ihn sich diesen Stellenwert zu geben hinter dem AppleStore-Imitat.

Eine seiner absoluten Triebkräfte, war das Geld und die Existenzangst die nie gesättigt wurde. Eine ähnliche Symptomatik nahm ich bei manchen Personen der Nachkriegsgeneration sowie bei den Migrant*innen die sich versuchten ein Leben in Europa aufzubauen.

Den egal wie viel sie angehäuft haben: Im Kühlschrank war es nicht genug.

Die Zukunft konnte nicht gesättigt werden. Das Fleisch verdirbt und man kaufte Neues, welches man darüber legte. Ähnlich wie beim Millionären.

Es gab natürlich auch andere Symptome aber die bedürfen einer wissenschaftlichen Fundierung, für die ich mich nicht geeignet fühle. Von Burnout bis Nesttheorie.

Es war nur mein Eindruck, dass die absolute Überlagerung von Arbeit und Leben die Krankheit war: Diese konnte man höchstens durch einen göttlichen Wert aufgeben.

Die Freizeit war schließlich nur eine Bestätigung des Systems.

Ich wiederhole ein flüsterndes Mantra: Ich tue genug, ich habe genug, ich bin genug. Damit erhoffte ich, dass diese Krankheit nicht auch mich befallen würde. 

Ein Serum für mein Geist. Denn Gier und die Evolution sind nicht zu unterschätzen.

Als ich meinen Bruder darauf angesprochen habe wieso er so lebte, war er tief gekränkt und beleidigte mich damit das ich ledig bin, kein Haus hätte, kaum Geld heimschickte und zusätzlich auch noch mich überwiegend künstlerisch beschäftige und das doch bloß ein Hobby sei!

Dann fügte er noch hinzu:

Du bist die einzige Person, die aus der Familie gute Chancen hat und in Europa lebt aber sich nur vom Staat und ihren Freunden durchfüttern lässt.

In der Pointe seiner Wut hieß es, das ich von Kolumbien falsche Vorstellungen hätte - eben eine Deutsche geworden bin.

Er verstand ich war alleine, insbesondere nach dem Tod meines Vaters als ich 19 Jahre alt war aber letztendlich konnte ich nicht einfach nach Pitalito kommen, ihn an der Rückwand seines AppleStore-Imitats beleidigen und abwerten wie er lebte.

Ich hatte ihn wohl gekränkt aber ich beschloss seit diesem Tag meiner Familie Geld zu schicken. Nein, ich musste es weil es mir meine Verantwortung sagte.

Ich versuchte in meiner europäischen Überheblichkeit rauszufinden worin wir uns unterscheiden voneinander aber meine waren seinen garnicht so unähnlich.

Sein Vater verließ unsere Mutter und ihn sehr früh.

Sein Vater lebte zwar aber er nahm keinen realen Platz ein und so hinterließ es heftige Spuren. 

Mein Bruder schweigt oft und ist passiv aggressiv.

Im Schweigen liegt eine Wut, der man gerecht werden will.

Deswegen explodierte er von Zeit zu Zeit genau mit Aussagen die abwertend sind.

Er behauptet Dinge willkürlich und glaubt dem Widerspruch seiner Gedanken.

Ich kann seine Art Überlegenheit auszuüben, die er aufgrund seines Geschlechtes für eine Selbstverständlichkeit hält, nicht ertragen.

Dadurch, dass er der einzige Mann in der Familie ist glaubt er dass er irgendwas besitzt was die Frauen nicht haben und er sich aufführen kann wie er Lust hat.

Das ist eine Form von Gewalt, der ich mich weigern will.

Es ist auch der Grund weshalb ich die Familie unterstütze, die Summe die er zuvor beigetragen hat. Damit es niemals zur Abhängigkeit kommt wegen dem Geld.

Das ärgert ich nämlich sehr. 

Insbesondere wenn die Frauen in der Familie sich trotzdem in die Frauenrollen begeben, weil es schon gelernte Verhaltensweisen sind.

Sowas wie Essen auftischen, lieben, sprechen, auf ihn eingehen, streicheln.

Er dachte, er muss was opfern für unsere Familie und somit entschuldigte er die Ratten im Dachgeschoss. Er hat mittlerweile diese Wohnung aufgegeben aber es gab da etwas was mich schockierte und ich an mir selbst wahrnahm. Dieser Ehrgeiz. Er war wie besessen davon alles zu schaffen was er sich vorgenommen hat.


Ich bin für meinen Wohnraum jeden Tag dankbar.

Denn ich habe erst im Erwachsenenalter einen beständigen und den schmücke ich mit meinen Gedanken sowie mit besonderen Objekten. Es ist ein bürgerlicher Raum, mit einem deutschen Pass.

Einer seltsame Sicherheit, mit der ich wusste, dass ich nun kleinere Hürden im Leben und Alltag hatte und somit zu einem neuen Selbstbewusstsein gelangte.

Durch ein Papier, dass erstmals legitimierte, wer ich nun sei und was ich durfte und das viel mehr Möglichkeiten von innen nach außen und andersrum eröffnete.

Ich wurde nicht mehr nur geduldet und durch eine magische Abhängigkeit gebändigt, sondern konnte mich schließlich äußern und das sogar politisch.

Ab dem Tag wo ich meine kolumbianische Bürgerschaft abgeben musste, gab es da diesen Monat wo ich staatenlos war und das war sogar der beste Zustand, wenn auch nur

utopisch. Als aber dieses weinrote Dokument mir endlich übergeben wurde, hatte ich kurz Angst und zögerte. Würde ich mich nun mit dem deutschen Erbe verbinden?

Wie durch ein Alptraum wurde in Papierform auf mir eine Verantwortung übergeben für die kein Mensch geschaffen war. Wie konnte man damit Leben Teil eines Kollektivs zu sein, das voll mit Hass und deutscher Romantik war.

Die europäische Identität hängte an mir dran, seit meiner Jugend.

Ich war fasziniert von der abendländischen Kultur und dem Schaffen von Geschichte. 

Aber ich schaute viel Fernsehen und wuchs mit Bildern, Vernetzung und Beschleunigung auf. In Abgrenzung zum Anderen, hatte sich dieses europäische Versprechen auf Zukunft als übergeordnetes Welterbe begriffen und sich zum Mittelpunkt der Erde erklärt.

Von hier aus ging alles aus. Jede Bewegung und jede Entscheidung. 

Die schlimmen Nachrichten waren von der Lust nach Konsum und Selbstverwirklichung sowieso schon längst überschattet. Ein sanfter Filter, legte sich über meine Augen. 

Überall änderte sich die Perspektive. 

Meine Vorfahren der Aufklärung und Demokratie waren mit mir auf einem Spaziergang um den See oder in den Bergen wandern und wir widmeten uns der deutschen Romantik. Ich war schließlich in Lage alles zu machen, was davor nicht genauso möglich war. Ich schickte ein Papierflieger an meine Familie mit der Mitteilung ich sei eine Deutsche (Europäerin) geworden. Aber die Zugehörigkeit hatte sich über die vielen Jahre anders in mir eingenistet. Je mehr Kulturen man in sich trug, desto mehr hatte man woran man sich abarbeitet, mehr woran man sich von der Tradition verabschiedete.

Eine wunderbare Selbstermächtigung. Zugehörigkeit und Entfremdung waren meine Werkzeuge. Die deutsche Sprache war meine Möglichkeit mich zurecht zu finden in dieser Welt. Diese Sprache stellte für mich den Zugang zu allem dar, was westlich war.

Spanisch war alles was für mich diffus und eine im Körper verborgene Information war. Diese zwei Welten waren mein Bruch zwischen Körper und Geist.

Also die Dissoziation: Wie stand es um die Identität meines Bruders?

Wir haben ja beide unsere Eltern und unseren Bruder verloren.

Mein Bruder hat nämlich unseren Bruder sterben sehen. Ein anderes Kind hat ihn erschossen auf der Straße. Dieses Kind war vielleicht 12 Jahre alt. 

Mein Bruder hat leider sehr früh einen traumatische Erfahrung durchgemacht und meine Mutter ist dann schwer krank geworden und gestorben. Ich stelle mir vermehrt die Frage inwiefern, das zu erzählen etwas von Leidpornografie hat.

Die Wiederholung. Viele Menschen haben tragische Geschichten.

Das Leiden der Anderen geht oft einher, mit einem Fetisch oder Voyeurismus und oft erwartet man so eine Haltung von Migrant*innen und damit kann ich mich nicht anfreunden, da es verknüpft ist mit einer Idee von Authentizität und unsichtbaren Zuschauer*innen.

Doch mein Bruder ist nicht nur was mit ihm und um ihn geschah.

Sondern vielleicht seine Entscheidungen und seine Lebensweise?

Neulich meinte er zu mir, dass er oft Reis und Ei gegessen hat, mehrere Monate hindurch, weil er wirklich alles an Geld in dieses Geschäft reingesteckt hat.

Vielleicht war mir diese Last der eigenen Firma nicht bewusst und wie man sich eben selbst dabei im Hintergrund stellt wegen einer Art höherer Aufopferung für die Familie?

Ich hatte nie nur Reis und Ei gegessen.


Als ich nach seiner Zukunft frage antwortet er mit „Ich gebe mich in die Hände Gottes und gleichzeitig bin ich Sozialist!“

Wie absurd, wenn ich ihm dann versuche etwas über die Kolonialisierung Kolumbiens zu erzählen. Die Europäer die kamen und ihm, seinem Gott, einen Namen gegeben haben. Aber ich kann ihm das nicht verraten, weil er vielleicht denkt, dass die Völker die vor den Spaniern lebten, primitiv gewesen sind. Es hier zu einer Art von natürlicher Selektion kam. Spiegel gegen Gold. Die Kolonialisierten sind Komplizen des Ganzen geworden und ihre Identitäten abhängig vom System der Unterdrückung.

Aber dann dachte ich mir: Was bin ich schon für eine Schwester, die es sich erlaubt ihrem sehr viel älteren Bruder über die Kolonialisierung Lateinamerikas zu erzählen.


Christlicher Blutrausch:

In der Figur des Messias, lebt etwas revolutionäres, weil es Tod und Auferstehung in sich trägt. Auserwählt und geschickt vom dogmatischen Vater, wird er für uns (dem Kollektiv Mensch) sterben. Wir nehmen uns ein Beispiel an der Fleischwerdung seiner Selbst. Dieses gedankliche Dreieck - bereits in der Didaktik der Argumente auslegt, wittert es in die Auflösung. In das Nichts hinein - schwarze Magma des Geistes.

Dem Sadomasochismus - die Opferung für die Gruppe als Militant*innen.

Das Individuum, das hervortritt und solchen Einfluss haben kann. Demokratie!

Souveräne Subjekte tragen Widersprüche.

Ich dachte an Guerillatruppen, Tropenwald, der Einfall von FARC im Dorf.

Alles dunkel, der Staat der sich gegen die eigene Bevölkerung wendet.

Frauen mit Waffen, Schutzlosigkeit. warmer Regen.

Das Kokain voller Chemikalien. Im Dschungel verarbeitet mit dem man das eigene Land zerstört und mit Blut überzieht. Schließlich ihr Auftauchen in den europäischen Metropolen und in der Diskothek von Bürgerlichen eingenommen. USA ist auch wichtig. Die Mall. Streben nach Globalisierung und Identität des Konsums.

Runde Ecken - abgeschliffene Flecken.

Die postkolonialistische Bestrebung: Die Abhängigkeiten offenlegen —> psychologisch, ökonomisch usw. Reparaturkosten zahlen. Von Afrika angefangen.

Eine Netflix Serie mit dem Mörder Pablo Escobar in der Hauptrolle des Konflikts. Kartelle. Tanzen als Nation. Sinnbild einer Projektion. Ursprünglich mit dem Gedanken, dass es den Bauern besser gehen soll und später selbst zum Kolonialisator werden.

Das Geld, die Sucht und dieses Gefühl wenn man Aufputschmittel genommen hat.

Das eigentliche Gold. Das Schmelzen von Erbinformation zu Geld.

Schamanistische Darstellungen der Kulturen der Quimbaya - heute Dauerausstellung in Madrid. Die Selbsterfahrung von dem Kolonialisator bestimmt und gelesen in die Ewigkeit. Gold gegen Spiegel.

Die Rohstoffe und das Privatland:

Der Kaffee, der dort nach nichts schmeckt. Nespresso & Co. hat alles geholt.

Hier trinke ich die Melange und sag hier gibt es die bessere Kaffeekultur mit Kuchen & Co. Der Rio Magdalena, als die Flussader die komplett verkommt, verstopft. Massentierhaltung.

Objekte, die eine Unterstützungsmaßnahme darstellen, um die Umwelt und Natur weiterhin zu zerstören.


1.2.3 Welt konsumiert von 3.2.1 Welt. Kein Ursprung mehr. Gut so!

Die Naturkatastrophe. Zukunft hängt. 


Die Depression der Hölle, der Produkte, des Wahns nach angeblicher Individualität und dem Besitzen von Dingen die zerfallen.

Die Mangos, die Bananen, die Gewürze für den Westen, das reinste Salz der La Guajira und die Nachfahren der indigenen, die nach wie vor um ihre Traditionen betrogen werden.



Aus dem Radio - laute Hummel:

Frantz Fanon, der spricht über das Wesen der Welt in den Händen der Unterdrückten. 

Black, Indigenous and People of Color, die all diese kolonialisierten Länder bauten mit ihren Händen um dann als Fetisch und Projektion der Weißen ab und an Anerkennung zu finden.

Die Küsten an den schönsten Ozeanen mit den entfremdeten Subjekten - von der Rassenidee deren Schicksal bestimmt.

Eine Fehlkonstruktion von Selbst und Objekt. Hier umso brüchiger.

Eine psychische Krankheit, die Wildes und Fremdes in sich vereint.

Zivilisierter Kapitalismus.

Die Transzendenz der Existenzialisten.

Die Bourgeoise zwischen links und rechts schwankend. Stille. Ruhe.

Putschversuche in Bogota.

Eine Vase bricht als Vertragsabkommen.

Ich höre Stimmen aus der Ferne.

Eine Erinnerung an die Familie, meiner Wurzel und mein Zugang.

Ich las wenig aber schrieb viel.

Ein Körperbewusstsein schiebt sich hinein.

Der Moment, wenn ich und mein Bruder mit sein Motorrad rumfahren durch Cali. 

Am Grab vorbei von Mutter und Bruder. 

In der Luft tänzelt die Asche meines Vaters. 

Der Geruch dieser Stadt. Für uns kein Tourismus.

Alles ist laut und dreckig und nur für die Reichen gedacht.

Ich glaube an Zukunft, Grammatik und Poesie. 

An Behauptungen, an Bilder und Zuwendung. 

An diese Verwundbarkeit wenn man sich zeigt, entblößt und zweifelt. Irgendwo da fand diese Wunde statt. Zwischen Angst, Vertrauen und Zuversicht.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen