Mittwoch, 4. Mai 2016

Hoping for Misunderstandings I. mit Lukas Maria Kaufmann






























Im alten Portierhaus im Hauptgebäude der Angewandten sitzen wir und hören in extremer Lautstärke ausgewählte Popsongs die zur Arbeit auffordern z.B ,,Work Hard, Play Hard“ von Wiz Khalifa. Hinter uns ein Banner mit der Aufschrift ,,Hoping for Misunderstandings“.
Wenn jemand sich an uns wenden möchte, bekommt er einen von Kira Kaufmann verfassten theoretischen Text zum Arbeitsbegriff in der zeitgenössischen Kunst und einen „Stamperl“ Eierlikör.
Einen Auszug aus einem Lexikon zu den Begriffen Liebe, Markt oder Arbeit wird den BesucherInnen ebenfalls ausgehändigt.
In diesem Moment durchdringt der übertrieben laute Aufruf zur Arbeit als Popsong aus dem Portierhaus. 

Kira Kaufmann schreibt: 
Wie ist der neoliberal überformte Aufruf zur Arbeit zu verstehen?

Arbeit
Liebe
Markt
(Marxismus)

Eine Krypto-B.G.-Paraphrase

Am Anfang steht das Postulat vom Ende der Geschichte. Hat sich nach Hegel der absolute Geist letztlich vollendet, in der Entwicklung eines funktionierenden Rechtsstaates, der den Menschen Freiheit im Rahmen der Legislative ermöglicht, niedergeschlagen, so ist mit Marx dieser finale Sieg der Vernunft nicht erreicht, solange der irrationalen Dimension der fatalen Momente des Marktes nicht Einhalt geboten wird. Sei das durch die Herrschaft des Proletariats oder durch staatliche Maßnahmen, die den Markt regulieren, also Sozialstaatlichkeit.
Gefragt wird nach der Gestalt einer Gesellschaft, einer Generation, die, sozialisiert im neoliberalen Modell der Marktwirtschaft, lebt, produziert. Mancherorts Wohlstand, Aufstiegsmöglichkeiten. Aber auch Barrieren. Ein Bildungssystem, das systematisch soziale Ungleichheit reproduziert, statt sie auszugleichen. Mancherorts Absicherung durch Sozialpartnerschaft. Relative Stabilität und Frieden. Konsum prägt das Leben, er ist der Motor der Wirtschaft, die alles durchdringt.
Produziert wird vor dem Hintergrund starker, omnipräsenter Konkurrenz. Vergleich steht zu Beginn, nicht erst am Ende. Hinzu kommt Effizienz- und leistungsorientiertes Dasein, Zielstrebigkeit, Verfügbarkeit. Arbeit geschieht oft unbezahlt. Präsenz: Das mediale Ich als Selbstentwurf. Nicht dem Künstler/der Künstlerin vorbehalten, aber notwendig.
Jeder Bereich des Lebens ist durchökonomisiert, Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis. Es wird abgewogen, angestrebt wird das Optimum in allen Belangen. Liebe: Frei halten von Soll- und Haben, Kosten-Nutzen Rechnungen? Wieder die unabdingbare Notwendigkeit zur Selbstdarstellung, welche Rolle spielt das Selbstbewusstsein, die Ratio? Der Künstler will geliebt werden.
Der Umgang mit dem Irrationalen ist individuell zu beantworten. Wie verhält sich die eigene Arbeit zu den außer der eigenen Kontrolle liegenden Bedingungen, die alles bestimmen. Der Anspruch auf Rechte. Möglichkeit zur Veränderung. Unveränderliche Strukturen? Alles bestimmendes, grundsätzliches Misstrauen.

Vor diesem Hintergrund gilt es zu produzieren, zu verstehen. Selbstexperiment.