Donnerstag, 27. August 2020

4 Figuren in einer Landschaft voller Randnotizen und Stellungnahmen, 2020

Installation aus Keramik, Leder, Filz, Stahl, Holz, Pigmenten, Wachs, Papier, Styropor, Latex


Das Setting besteht aus zwei blauen Filzflächen, einem Lederteppich mit Brandmalereien und Stahlstangen, welche als Plateaus für zwei sitzende Figuren dienen. Zwei weitere Figuren, eine Antiken-Kleinplastik und Daphnis, der Gegenspieler zum hoch oben sitzenden Pan, sind stehend in das Arrangement integriert. Desweiteren Teil des Ensembles sind eine Vase mit Nippel, ein stehendes Holzobjekt [Abb. 2] mit orangefarbener Fläche, eine dorische Ruine [Abb. 11] und ein Wachstropfen [Abb. 16], welche die keramischen Figuren als visuelle Requisiten begleiten.


Die Installation verhandelt Funktionen und Themen von Bildhauerei im herkömmlichen Sinne, von ihrer Dienlichkeit kultischer Zwecke bis hin zum Versuch der Darstellung eines Menschenbildes und damit als klassischer Funktionär von Identitätsbehauptung, welche sich in diesem Setting auch zeitgenössischer Indizien bedient. 

Dabei werden hier Kultbilder aufgegriffen und deren traditionelle Darstellungsweisen angewendet, wie beispielsweise in der Darstellung der Gottesmutter [Abb. 7 & 8] Aspekte aus dem christlich-religiösen Bereich wiederzufinden sind. 

Auf diese Weise wurden alle Figuren durch naturhistorische, popkulturelle und persönliche Referenzen zu hybriden Repräsentant*innen ver- und ge-formt. 


So auch beim Figurenpärchen „Daphnis und Pan“ [Abb. 3-6], das die plastische Momentaufnahme einer mythologischen Erzählung erzeugt, in die beide Figuren eingegliedert werden. Eine Inszenierung jener Szene, in der Daphnis auf einem großen Felsen sitzt und kurz davor ist sich hinunter zu stürzen, während Pan auf der Flöte spielt. Trotz des Versuchs, die Trauer von Daphnis durch künstlerische Sublimierung zu zerstreuen, kann sein Liebeskummer nicht gelindert werden. Zumindest nicht wie beim verliebten Pan, der durch seine sexuelle Begierde (Versuch einer Vergewaltigung an Syrinx) erst zur Panflöte geleitet wurde. 


Als homoerotische, bisexuelle und jüngliche „Dandys“ in Szene gesetzt, stehen diese Beiden in der Tradition der ersten freistehenden Skulptur, dem „David“ von Donatello. Allerdings mit jeweils ausgestrecktem Mittelfinger und erigiertem Penis. Ihre Souveränität zeigt sich, wie bei der mütterlichen Ikone, durch die Aneignung und Verformung ihrer Geschlechtlichkeit und den Vorstellungen, die damit einhergehen.


Weniger geschlechtlich tritt die verletzte Antiken-Kleinplastik [Abb. 9] langsamen Schrittes in die Szene hinein, während sie von der überdimensionalen dorischen Ruine [Abb. 11] verfolgt wird. 

Es handelt es sich bei der Kleinplastik um eine Nachahmung des Tonidols aus Böotien der spätgeometrischen Periode um ca.  740 - 700 v. Chr., in ähnlicher Abformung eine klassische Beigabe für die Gräber von Frauen und Kinder, deren Bemalungen auf die Figur der Göttin Artemis hindeuten. Heute befindet sie sich im Louvre in Paris.


Die Antiken-Kleinplastik steht im Zusammenhang mit der systematischen Aneignung ethnografischer Funde, die in der europäischen Moderne zu neuer Identitätsbildung verhelfen sollten. So beispielsweise durch die Eingriffe westlicher Künstler*innen auf der Suche nach Authentizität in der sogenannten „Fremde“, siehe Primitivismus und Kolonialismus. 

Denn erst durch die Künstler*innen und ihre Werke wurde das ganze Vorhaben kolonialistischer Besetzung, Aneignung und Ausbeutung als Geste der Erhabenheit ins Licht gerückt. 


Auf dem Lederteppich [Abb. 14 & 15] sind Verträge, Randnotizen, Überschreibungen verzeichnet, die ebenfalls in der Oberfläche der Vase mit Nippel [Abb. 12 & 13] auftauchen. 

Das Prinzip der Legitimation unleserlicher und zeichenartiger, ausufernder philosophischer Kritzeleien will Fußnote zu Toilettenkritzeleien sein wie auch zur Weitergabe von Informationen in prähistorischen Höhlenmalereien.


Ändert sich der Blickwinkel durch die Tatsache, dass ich in Kolumbien aufgewachsen bin und ich mir diese Identitätsformen durch die Migration nach Europa angeeignet habe?
Sicherlich ist die Suche nach Form immer ein moralisches Unterfangen. 



[Abb. 1] 

 [Abb. 2]
 [Abb. 3]
                                                                        
 [Abb. 4]
  [Abb. 5]
                                                                         [Abb. 6]
                                                                        [Abb. 7]

                                                                        [Abb. 8]

   [Abb. 9]
 [Abb. 10]
 [Abb. 11]
 [Abb. 12]
 [Abb. 13]
 [Abb. 14]
 [Abb. 15]
 [Abb. 16]
 [Abb. 17]
Installation in Besitz des Bundes / Artothek 

Fotos: ©Leonard Prochazka